Pflanze des Monats

Ein Spaziergang durch die Urdenbacher Kämpe lohnt sich zu jeder Jahreszeit. Es gibt für Erwachsene und Kinder so vieles zu entdecken.

In dieser Serie stellen wir einige interessante Pflanzen vor, die am Wegesrand zu finden sind. Darunter sind häufige, aber auch einige seltene Arten. Viele von ihnen locken Insekten an und sind daher ökologisch besonders wertvoll oder haben besondere Überlebensstrategien entwickelt. Schon unsere Vorfahren haben die heilende Wirkung der Pflanzen für sich zu nutzen gewußt oder sie für alte Handwerke genutzt.

Es lohnt sich, die Augen offen zu halten!

Texte und Fotos: Christiane Wöllner


Juli - Blutweiderich

Mit ihrer leuchtenden rot-violetten Blütenpracht zieht der Blutweiderich (Lythrum salicaria) nicht nur die Blicke der Spaziergänger und Wanderer von weitem auf sich. Auch Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge „fliegen“ auf den süßen Nektar der stattlichen Pflanze.

Bekannt ist sie auch unter ihren Namen Ährenweiderich, Gewöhnlicher Blutweiderich, Blutkraut oder Stolzer Heinrich.

Sie blüht ab Juli bis in den September und wird bis zu 1,20 Meter hoch. Die Blüten sind rot-violett gefärbt. Jede der langen, endständigen Ähren besteht aus rund hundert Blüten. Der derbe, behaarte Stängel steht aufrecht. Die Blätter sind gegenständig angeordnet. Die Pflanze produziert Pollen in unterschiedlichen Farben und Größen. Ein raffinierter Mechanismus aus unterschiedlich langen Griffeln und Staubfäden stellt die Fremdbestäubung sicher.

Blutweiderich enthält zahlreiche Wirkstoffe wie Pektin, Harze, ätherisches Öl und viele Gerbstoffe. Diese verleihen der Pflanze bakterienhemmende und blutstillende Eigenschaften. Schon im Altertum setzten Heilkundige die Blüten und den Wurzelstock als Medizin gegen Durchfälle, bei Magen- und Darmentzündungen ein. Und sie nutzten die blutungsstillende Wirkung zur Wundheilung. In Notzeiten aßen die Menschen die jungen Sprosse, das Mark der Stängel und die Laubblätter als Gemüse.

Früher wurde der Blutweiderich zum Gerben von Leder verwendet. Mit seinem Saft imprägnierten die Menschen schon im 16. Jahrhundert Holz und Seile und verhinderten so, dass sie im Wasser faulen. Mit dem roten Farbstoff der Blüten färbte man einst auch leckere Zuckerwaren.

Blutweiderich fühlt sich in humusreichen, feuchten Böden wohl. Hier kann eine einzige Pflanze bis zu drei Millionen Samen bilden, die von Wind und Wasser verbreitet werden. Die Samen haben feine Schleimhaare, mit denen sie sich an Wasservögeln festhalten und forttragen lassen. So können sie im nächsten Frühjahr in allen ausreichend feuchten Böden keimen und ihre nächste Generation sichern.

 


August - Großer Wiesenknopf

Die Große Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) ist im Volksmund auch als Herrgottsbart oder Blutströpfchen bekannt. Sein Nektar ist für viele Insekten eine willkommene Nahrung, seltene Schmetterlinge nutzen ihn sogar als Kinderstube. Und auch die Menschen wissen schon seit Jahrhunderten um die Geheimnisse dieser vielseitigen Heilpflanze.

Die prächtige Pflanze aus der Familie der Rosengewächse ist eine heimische Staudenart und erreicht eine Wuchshöhe von 30 bis 120 Zentimetern. Besonders auffallend sind die bis zu zwei Zentimeter langen, eiförmigen weinroten Blütenköpfe. In den Monaten Juni bis August heben sie sich dekorativ vor dem Hintergrund grüner Wiesen ab. Nach der Blüte bilden sich kleine braune Nussfrüchte aus.

Der Große Wiesenknopf liebt wechselfeuchte Nass- oder Moorwiesen. In der Urdenbacher Kämpe findet man ihn leicht bei der Wanderung durch die Bürgeler Wiesen. Im Bestand ist er zwar nicht gefährdet, jedoch ist seine Verbreitung rückläufig, weil viele Wiesen immer früher gemäht werden. So können die Früchte nicht mehr lange genug ausreifen. Bestäubt wird die Pflanze durch Insekten, sie kann sich aber auch spontan selbstbestäuben.

Viele Insekten schätzen den Großen Wiesenknopf als Nahrungsquelle - einige sogar als Kinderstube. So legen die Weibchen zweier seltener Schmetterlingsarten (der Dunkle und der Helle Wiesenknopf-Ameisenbläuling) ihre Eier auf den Blütenköpfen ab. Daraus entwickeln sich dann Raupen, die sich anfangs von der Pflanze ernähren und sich dann später von einer bestimmen Ameisenart (Myrmica) adoptieren lassen.

In historischen Heilbüchern finden sich Hinweise, dass die Menschen schon vor Jahrhunderten die Geheimnisse dieser vielfältigen Heilpflanze entschlüsselt haben. Ihr wurde eine blutstillende, entzündungshemmende und verdauungsfördernde Wirkung nachgesagt. Einen Hinweis darauf gibt auch der botanische Name Sanguisorba. Er setzt sich zusammen aus “sangus“ für “Blut“ und “sorbere“ für “einsaugen“. Der Zusatz Officinalis deutet darauf hin, dass es im Officium, der Klosterapotheke, verwendet wurde.

Dabei können alle Teile, also Blattwerk, Samen und Wurzeln verwendet werden. Schon 1626 wurde der Große Wiesenknopf als äußerliches Wundheilmittel bei Fisteln und Krebs empfohlen. Er galt als bedeutendes Kraut zum Schutz vor Pest und Tuberkulose.

Einige Homöopathen wenden den Großen Wiesenknopf bis heute an, beispielsweise bei Krampfaderleiden, bei Blutungen in den Wechseljahren und bei Durchfallerkrankungen.

Immer mehr Menschen schätzen ihn aber auch als Küchenkraut und würzen mit den frischen jungen Blättern und Blütenknospen Salat, Kräuterbutter und Kräuterquark. Auch zu Gemüsen, Suppen und Fleischgerichten passt er hervorragend. Kräuterkundige bereiten aus den Wurzeln Tee und verzehren die Blätter gegen Sodbrennen.

Auch im eigenen Garten ist die Pflanze eine optische Bereicherung für naturnahe Beete: Mit seinem schlanken Wuchs passt der Große Wiesenknopf hervorragend zwischen viele andere naturnahe Pflanzen. Da die Staude an ihrem Naturstandort meist auf Wiesen wächst, bevorzugt sie auch im Garten einen sonnigen bis halbschattigen Standort.


September - Herbstzeitlose

Die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) erinnert an die hübschen Krokusse die bei uns den Frühling einläuten. Allerdings blüht sie erst von August bis Oktober - und liegt damit außerhalb der „üblichen“ Zeit. Diesem Umstand verdankt sie auch ihren deutschen und lateinischen Namen. Alle Teile der Pflanze sind sehr giftig.

Die ursprünglich aus Asien stammende Herbstzeitlose ist auch unter den Namen Herbstvergessene, Herbstlilie oder Wintersafran bekannt. Sie wächst auf Feuchtwiesen, Auenwäldern und deren Rändern. Bis zu 20 cm wird sie hoch und erinnert an einen Krokus.

Im Frühling zeigt sie nur den Fruchtstand und ihre tulpenartigen Blätter. Erst im Herbst treibt sie ihre rosa-violette Blüte aus der Erde. Diese scheint auf einem "Stiel" zu sitzen, der aber in Wirklichkeit die Blütenröhre darstellt und aus der tief sitzenden Zwiebelknolle entspringt. Auch auf den Bürgeler Wiesen kann man die hübschen Blüten in diesen Wochen entdecken und sich an ihrem Anblick erfreuen – und sollte es unbedingt dabei belassen.

Die Herbstzeitlose ist nämlich alles andere als eine sanfte Heilpflanze - alle Teile sind sehr stark giftig und enthalten das Zellgift Colchicin. Auch beim Trocknen, Lagern oder Kochen bleibt die Giftwirkung erhalten. Bereits wenige Gramm des Samens können für den Menschen und für viele warmblütige Tiere – wie Pferde oder Rinder – tödlich sein.
Diese Wirkung war schon seit der Antike bekannt: zahlreiche Morde und Selbstmorde gingen im Laufe der Jahrhunderte auf ihr Konto. Im Mittelalter wickelten sich die Menschen die Pflanzenwurzel um den Hals, um sich so vor der Pest zu schützen – allerdings ohne den erhofften Erfolg.

Dennoch kann die Herbstzeitlose auch heilen: In der Humanmedizin werden ihre Bestandteile heute von Homöopathen – als verschreibungspflichtige Präparate in sehr geringer Dosierung – zur Behandlung von Rheuma und Gicht eingesetzt.

Eine wichtige Rolle spielt das Zellgift Colchicin übrigens auch in der Pflanzenzüchtung. Richtig eingesetzt vervielfacht es den Chromosomensatz einer Pflanze. So erhalten die Züchter bei vielen Pflanzen größere Blüten, bei Obstgehölzen und Getreidesorten größere Früchte und Samen.

Diese giftige Schönheit hat auch eine ökologische Bedeutung: Für den Eulenfalter, eine nachtaktive Schmetterlingsart, ist sie eine begehrte Futterpflanze. Er ernährt sich von ihrem Nektar.

Auch im eigenen Garten kann die Herbstzeitlose noch viele Wochen in den grauen Herbst hinein für attraktive Farbtupfer sorgen. Sei es in Pflanzschalen, in kleinen Gruppen in Beeten oder großzügig verteilt über den Rasen. Die Gartencenter halten außer der Wildform inzwischen attraktive Nachzüchtungen bereit, die noch wüchsiger sind, die teils üppig gefüllte Blüten und weitere auffallend leuchtende Farben haben.

 

Herbszeitlose

Oktober - Alte Apfelsorten

Schwer hängen die roten, grünen und gelben Früchte an den Bäumen. Endlich ist Erntezeit – die alten Apfelsorten auf den Obstwiesen in der Urdenbacher Kämpe sind jetzt reif und erfreuen nicht nur die Menschen. Auch für viele geschützte Tierarten sind die Obstwiesen ökologisch wertvoll.

Die Urdenbacher Kämpe verfügt über rund 20 Hektar alte Obstwiesen – das sind etwas mehr als 20 Fußballfelder. Hier gedeihen rund 26 alte Apfelsorten.

Sie haben nicht nur überaus klangvolle Namen, sondern erstaunen mit einer großen Palette an Düften und Geschmacksrichtungen: süß oder erfrischend säuerlich, nach Banane, Zitrone, nach Heu oder sogar nach Weihnachten.

Aus den vielen Sorten sei hier eine kleine Auswahl vorgestellt:

Die Apfelsorte Kaiser Wilhelm wurde schon anno 1864 als veredelter Baum im Garten von Haus Bürgel aufgefunden. 1875 legte man ihn Kaiser Wilhelm zur Geschmacksprobe vor. Der stimmte begeistert der Verwendung seines Namens für „diesen wahrhaft majestätischen Apfel“ zu. Bis heute schätzt man sein wohlschmeckendes, himbeerartiges Aroma.

Auch die Rote Sternrenette ist ein Juwel der alten Streuobstwiese. Sie wird auch Herzapfel genannt. Der dunkelrot gefärbte Apfel galt einst als „der klassische Weihnachtsapfel“ und war weit verbreitet.

Der Rote Eiserapfel schmeckt süß mit leichter Säure und mäßiger Würze. Man kann ihn prima frisch essen, aber auch zum Kochen, Backen und Entsaften verwenden. Bereits im 16. Jahrhundert wurde er angebaut und war bis in die 1950er Jahre in Europa weit verbreitet, da er hervorragende Lagerfähigkeit besitzt. In Erdmieten können sie bis zum übernächsten Jahr essbar bleiben. Kühl aufbewahrt hält sich die Sorte auch in heutigen Haushalten bis Ostern.

Die alten Apfelsorten sind oft sehr reich an Vitamin C; viele von ihnen sind auch für Apfelallergiker geeignet.

Die heute noch vorhandenen alten Sorten des Kulturapfels (Malus domestica) stellen ein wertvolles Reservoir an Erbanlagen dar. In ihnen stecken noch viele genetische Informationen über Standortansprüche, Widerstandsfähigkeit, Krankheits- und Schädlingsresistenz. Eigenschaften, die den heutigen Tafelobstsorten oft fehlen. So werden die rund 800 Bäume in der Urdenbacher Kämpe nicht gedüngt oder gespritzt, sondern nur fachgerecht geschnitten.

Für den Schutz, Erhalt, die Pflege und Neuanlage von Streuobstwiesen erhielt die Biologische Station Haus Bürgel 2017 die Plakette „Vorbildlicher Streuobstbestand“. Das vom Umweltministerium finanzierte „Netzwerk Streuobstwiesenschutz.NRW“ verlieh diese Auszeichnung.

Die Streuobstwiesen sind auch Lebensraum für zahlreiche Insekten. Sie werden durch aufgebaute Insekten-Nistkästen unterstützt. Die fleißigen Bewohner mehrerer Bienenstöcke auf den Obstwiesen sorgen für die Bestäubung der Blüten und liefern jedes Jahr den begehrten Streuobstwiesenhonig.

Jeder kann auf seine Weise zum Erhalt der Obstwiesen und alten Apfelsorten beitragen. Entweder durch den Kauf der Obst- und Honigprodukte. Die Einnahmen werden in die Pflege reinvestiert. Der diesjährige Obstverkauf findet am 9. Oktober statt. Wer Platz und Freude am Gärtnern hat, kann natürlich auch seinen eigenen Apfelbaum einer alten Sorte pflanzen, die seine Großeltern schon kannten.

Obstverkauf verlinken auf

https://www.biostation-d-me.de/veranstaltungen/termin/news/frischobstverkauf-von-kaiser-wilhelm-jakob-lebel-co0/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=fb8ed3c0bf044eed60c679bdd1e99ee9

Weitere Informationen

https://www.biostation-d-me.de/gebiete-projekte/obstwiesen/lokale-obstsorten/

Apfelwiese

November - Gewöhnliche Gelbflechte

Flechten – von vielen Menschen werden sie gar nicht wahrgenommen oder zu Unrecht als Parasiten betrachtet – und grundlos vernichtet. Genaueres Hinschauen lohnt sich jedoch: denn die Miniatur-Kunstwerke bieten den Raupen vieler Schmetterlinge Nahrung und sie können Indikatoren für die Schadstoffbelastung unserer Atemluft sein.

Die Gewöhnliche Gelbflechte Xanthoria parietina - eine von rund 1.700 Flechtenarten in Deutschland –  ist weit verbreitet. Sie ist ein interessanter Doppelorganismus – denn sie besteht aus einem Pilz und einer Alge, die eine perfekte Lebensgemeinschaft bilden. Wasser und Nährstoffe nimmt die Gewöhnliche Gelbflechte nicht wie Blütenpflanzen über Wurzeln auf, sondern direkt aus der Luft.

Diese bis zu zehn Zentimeter große Flechte wächst bevorzugt an der Rinde von Laubbäumen oder Holundersträuchern. Sie fühlt sich aber auch auf Mauern, Steinen und sogar auf rostigen Blechen wohl, wenn sie dort genügend Nährstoffe und hin und wieder Feuchtigkeit findet. Am besten entwickelt sie sich da, wo die Luft stark mit Stickstoffverbindungen belastet ist. Daher ist sie auch häufig in der Nähe von landwirtschaftlich genutzten Flächen oder den Ansitzen von Vögeln zu finden.

Die wenigsten Spaziergänger in der Urdenbacher Kämpe werden wissen, dass die Raupen vieler Schmetterlinge aus der Gruppe der Flechtenbären - von der Flechte als Nahrungsquelle abhängig sind.

Durch ihre intensiv gelbe oder orangegelbe Farbe ist die Gemeine Gelbflechte meist gut sichtbar. Einst verwendeten die Menschen ihre leuchtende Farbe zum Färben von Textilien uns setzten sie als Arzneimittel gegen die Malaria ein. Inzwischen gibt es wirksamere Medikamente.

Auch heute noch können Flechten den Menschen hilfreiche Dienste leisten – so zum Beispiel beim Biomonitoring – also bei der Beurteilung von Umweltveränderungen.

Die Gewöhnliche Gelbflechte ist eine häufige und nährstofftolerante Art, die mit ihrer momentanen Ausbreitung sehr gut den seit einigen Jahren stattfindenden Wandel der Immissionssituation in der Bundesrepublik dokumentiert. So war vor rund zwanzig Jahren die Belastung durch das schädliche Schwefeldioxid in der Luft noch sehr hoch. Durch den Einsatz von Katalysatoren verringerte sie sich. Weiterhin unvermindert hoch ist jedoch die Belastung mit düngenden Stickstoffverbindungen.

Die Gewöhnliche Gelbflechte profitiert ganz offensichtlich von dieser "Düngung aus der Luft" und verbreitet sich in vielen Regionen verstärkt an Bäumen, Mauern und auf Dächern.

Damit symbolisiert somit eines der aktuellsten Umweltprobleme unserer heutigen Zeit, denn die Stickstoffverbindungen belasten auch Moore, Heideflächen, Trockenrasen und Wälder und bedrohen empfindliche Arten in ihrer Existenz.

Gelbflechte

Dezember - Kopfweide

Die Kopfweide ist bekannt für ihre Hohlräume, die vielen Tieren Zuflucht gewähren. Im Frühjahr geben ihre Blüten – die Weidenkätzchen – Bienen und Schmetterlingen Nahrung. Und sie liefert den Menschen die begehrten Weidenruten für Haus und Garten.

Die Kopfweide ist eine Weide, deren Stamm als Jungbaum auf einer Höhe von etwa 1 bis 3 Metern eingekürzt wurde und deren Zweige regelmäßig beschnitten werden. Besonders geeignet ist die Silber-Weide (Salix alba) oder die Korb-Weide (Salix viminalis).

An der Schnittfläche treibt der Baum immer wieder neu aus. Einmal beschnitten muss die Kopfweide alle drei bis zehn Jahre „geschneitelt“ werden – so lautet der Fachbegriff für dieses Stutzen. Im Lauf der Jahre verdickt sich der Stamm zum „Kopf“.

Die gewonnenen Ruten nutzten die Menschen in früheren Zeiten für die Korbflechterei - daher der Begriff Korb-Weide. Sie bogen sie zu allerlei Körben für Haus und Hof, zu Fischreusen oder fertigten Möbel daraus. In Verbindung mit Lehm dienten sie als Baumaterial für Hauswände. Ältere Äste verwendete man als Besen- und Werkzeugstiel.

Größere Äste wurden einst auch als Pfähle für Weidezäune eingesetzt. Dabei unterschätzten die Bauern die enorme Regenerationsfähigkeit der Pflanzen. Selbst zum Zaunpfosten verstümmelt, trieb manches scheinbar trockene Holz wieder aus und wuchs zum stattlichen Baum heran – ebenso der nächste Pfosten. Aus diesem Grund findet man Kopfweiden auch heute noch häufig in einer langen Reihe – die sich wie eine Perlenschnur durch die Landschaft zieht.

Heute werden die Kopfweiden kaum noch wirtschaftlich genutzt, da sich industrielle Ersatzprodukte durchgesetzt haben. Werden Kopfweiden nicht mehr gepflegt, oder sind die Intervalle zu lang, werden sie „kopflastig“ und brechen auseinander.

Naturschutzorganisationen setzen sich weiterhin für ihren Erhalt ein. So auch die Biologische Station Haus Bürgel. Alle fünf bis zehn Jahr organisiert sie gemeinsam mit der Jägerschaft und ehrenamtlichen Naturschützern Termine, in denen die Kopfweiden wieder „geschneitelt“ werden. Eine Gruppe besonders prächtiger Exemplare ist im südlichen Ende der Urdenbacher Kämpe, nahe der Ortschaft Alt-Baumberg zu finden.

Die alten Bäume bieten Lebensraum für zahlreiche Tierarten wie Steinkauz und Fledermaus. Diese finden in den häufig hohlen Stämmen Unterschlupf und Nistgelegenheit. Das weiche Weidenholz wird im Kopfbereich leicht morsch. Darin verbringen viele Käfer, Schmetterlinge und Wildbienen ihre Larvenzeit. Und selbst eine ganz hohle Weide lebt noch weiter und kann blühen.

Im Frühjahr werden die Weidenbäume besonders wichtig: der Nektar und die Pollen ihrer  „Weidenkätzchen“ bieten den Bienen und ersten Schmetterlingen im Frühjahr eine lebenswichtige Nahrungsquelle. Darum werden in der Regel in einem Jahr nicht alle Weiden eines Bestandes geschneitelt, sondern abwechselnd immer nur einzelne. Auch beim gelegentlichen Pflücken einzelner Weidenkätzen für die heimische Dekoration sollte daher maßvoll vorgegangen werden.

In den vergangenen Jahren gab es eine erfreuliche Trendwende: Immer mehr Menschen interessieren sich für die Kopfweiden und holen diese Kultur zurück ins Leben. Die Nachfrage nach Korbflecht-Workshops steigt. Auch der Ökotourismus spielt eine Rolle, denn die bizarren alten Bäume locken Besucher an. Auch in der Urdenbacher Kämpe gibt es viele dieser alten Kopfweiden – und Hinweistafeln mit erläuternden Informationen.


Januar - Mistel

Glücksbringer, Heilpflanze und Schädling - die Mistel hat viele Gesichter. Einst wurde sie verehrt und als heilig angesehen – bis heute sagt man ihr heilende Wirkung bei zahlreichen Krankheiten nach. Ein starker Befall von Misteln kann jedoch schwere Schäden bei Bäumen und Streuobstwiesen anrichten.

Ein schweifender Blick durch die Baumwipfel der Urdenbacher Kämpe reicht – schnell können Spaziergänger die großen kugelförmigen Gewächse erkennen. Besonders viele Misteln sitzen in den hohen Pappeln.

Doch wie gelangen sie in diese zum Teil schwindelerregende Höhe? Das Geheimnis liegt in der Beschaffenheit der Mistel-Früchte und Samen. Sie bilden keine Samenschale, sondern eine klebrige Schicht, die als Viscin bezeichnet wird. Mehr dazu später...

Die Samen werden auf verschiedene Arten von Vögeln verbreitet, dazu gehört auch die Misteldrossel. Sie versuchen die klebrigen Früchte von ihrem Schnabel auf den Ästen abzustreifen, wo sie hängen bleiben. Andere Samen werden von ihnen gefressen und bleiben unverdaut in den Zweigen kleben. Hier bilden sie auf der Rinde einen Keim, der bis zu den lebenswichtigen Leitbahnen ihrer neuen Wirtspflanze hindurchdringt.  Eine neue Mistelpflanze entsteht.

Botanisch gesehen ist die Mistel ein Halbschmarotzer, der nicht auf dem Boden wurzelt, sondern auf einem Baum. Sie bezieht die benötigte Flüssigkeit und Nährstoffe aus den Bäumen, auf denen sie wächst, kann aber durch ihre grünen Blätter die Photosynthese selbst betreiben – daher der Begriff „Halbschmarotzer“.

Ist ein Baum stark mit Misteln befallen, können Äste oder sogar der ganze Baum absterben. Das kommt insbesondere bei Streuobstwiesen vor, die nicht mehr regelmäßig gepflegt werden.

Der Name Mistel ist übrigens mit dem althochdeutschen „mist“ verwandt. Schon damals wusste man, dass die Mistelsamen von Vögeln gefressen werden und mit deren Ausscheidungen – dem „Vogelmist“ - wieder auf die Bäume gelangen. Hier kommt auch der zweite lateinische Gattungsname „Viscum“ ins Spiel – der steht für Leim. Die alten Römer stellten aus den klebrigen Mistelbeeren Leim her, mit denen sie Vögel fingen. Der Begriff Viskosität - also das Maß für Zähflüssigkeit - hieß spätlateinisch viscosus, also „klebrig“. Und der bezog sich auf Viscum, den klebrigen Schleim der Mistelbeeren.

Jeder Fan der Asterix-Comics kennt den selbst gebrauten Zaubertrank des Druiden Miraculix: Es sind die Misteln im Trank, die den Bewohnern unglaubliche Kräfte verleihen, um ihr Dorf zu verteidigen.

Auch in der heutigen Medizin sagt man der Mistel durchaus heilende Kräfte nach. Während die weißen Beeren für den Menschen giftig sind, lassen sich aus Blättern und Trieben Medikamente gewinnen, die bei Bluthochdruck, Herz- und Kreislaufproblemen helfen, sowie bei rheumatischen Beschwerden, Verdauungs- und Stoffwechselstörungen.

Misteln wachsen vergleichsweise langsam – erst im zweiten Jahr bildet sich der erste Sproß mit Laubblättern und einer ersten Verzweigung. Bis die Pflanzen ihre kugelförmige Form bekommen, vergehen Jahre – bis zu sieben Jahrzehnte können sie alt werden.

In den vergangenen Jahren ist der Mistel-Bestand - vor allem in Süd- und Mitteldeutschland - stark gewachsen. Als Ursachen für die Ausbreitung der Mistel sehen Naturschutz-Experten vor allem die unregelmäßige Pflege von Streuobstbeständen. Daneben begünstigen wohl auch klimatische Veränderungen den Vormarsch, wie lange Trockenphasen und der daraus entstehende Stress für die Obstbäume.

Viele Vögel freuen sich über die reichlichen Beerenvorräte: Immerhin wurden in Deutschland bis zu 27 Vogelarten gezählt, die die Mistelbeeren auf dem Speiseplan haben, darunter die Sing- und Wacholderdrossel. Beide sind auch in der Urdenbacher Kämpe zuhause.

Mistelbaum
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